Michael Klondeik, der Geschichtenerzähler
1992 ist Michael Klondeik 29 Jahre alt, und er ist nicht gerade der Typ Mann, dem man zutraut, die Welt zu retten.
Michael hat viel zu lang vom Geld seiner Eltern gelebt. Er brach das Germanistikstudium nach drei Jahren ab. Das hatte er begonnen, weil er unbedingt Schriftsteller werden wollte – und will. Seitdem jobbt er in einer ziemlich heruntergekommenen Spedition als Möbelpacker. Für einen Job in der Kneipe ist er einfach zu schüchtern.
Vor drei Jahren verlor Michael seinen letzten Freund. Nicht, weil der starb, sondern weil Michael sich bei keinem Menschen mehr meldete. So sehr schämte er sich dafür, was er aus seinem Leben bisher gemacht hatte. Aber Michael kann nicht anders: Eine Kraft hält ihn fest. Sie hält sein Herz in der Faust, und sie befiehlt ihm zu warten.
„Die Dinge kommen zu dem, der bereit ist, auf sie zu warten“, sagt sie ihm.
Seitdem schreibt Michael. In jeder freien Minute muss er schreiben. Schreiben wird für ihn wichtiger als zu leben. Schreiben wird zum Traum, dem Traum von einem Leben und einer Welt, die besser ist, als die, in der er lebt. Und immer, wenn Michael nicht schreiben kann, zieht es ihn in den Hafen, genauer: in den aufgegebenen Teil eines Binnenhafens in Berlin. Dort starrt er ins Wasser. Dort lauscht er dem Wind und dem Gras, bis es eines Tages passiert und er ihre Stimme vernimmt …